Irrtümliche Asexuelle: Ein häufiges Phänomen?

Selbsttest „Bin ich asexuell?

Selbsttest zeigt, ob Menschen asexuell sind.
Asexuell? Test gibt Auskunft

Unser Selbsttest „Bin ich asexuell ?“ wird mittlerweile von asexuellen und nicht asexuellen Menschen sehr gut angenommen. Offenbar besteht bei vielen ein hohes Bedürfnis, eine verlässliche Antwort auf diese Frage zu erhalten.

Der Test „Bin ich asexuell?“ ist dazu gedacht, Asexualität von anderen Phänomenen, die mit Asexualität nichts zu tun haben, wie mangelnden Gelegenheiten zur Sexualität, Orgasmusstörungen, Schmerzen bei der Sexualität oder Schüchternheit sicher zu unterscheiden.

Die Testteilnehmer werden durch eine Reihe von Fragen geführt, die zwischen asexuellem Erleben und anderen Erleben im Bereich der Sexualität differenzieren. Mithilfe des kostenlosen Tests kann jede interessierte Person jetzt feststellen, ob sie asexuell ist oder nicht. Gleichzeitig wird durch den Test die Bekanntheit der Asexualität und das Wissen über Asexualität erhöht.

Datenauswertung

Jetzt haben wir die Daten von 707 Personen ausgewertet, die im Test vorab bejahten (sicher ja, ja, eher ja), dass sie asexuell seien. Unter den Teilnehmern befanden sich 581 Frauen, 123 Männer und 3 Intersexuelle im Alter von 16-85.

Es zeigte sich ein durchaus eindrucksvolles Ergebnis:

Für die Mehrheit konnte der Test die Asexualität bestätigen. Aber ebenfalls gab es eine starke Minderheit, die Asexualität offenbar mit fehlenden sexuellen Gelegenheiten, Schüchternheit oder sexuellen Problemen verwechselten.

Hauptergebnisse im Detail

Es wurden, wie oben dargestellt, die Testergebnisse von 707 Personen, die sich am Anfang des Tests als asexuell bezeichneten (ja sicher, ja, eher ja), ausgewertet.

Der Test bestätigte bei 59 % der Testteilnehmer das Vorliegen von Asexualität. Diese Teilnehmer berichteten über kein oder ein nur extrem geringes sexuelles Verlangen.

Bei 41 % der Befragten gelangte der Test aber zu dem Ergebnis, dass keine Asexualität vorliege. Hier ergaben sich folgende alternative Bewertungen:

  • 15 % der Befragten berichteten über ein sexuelles Verlangen ohne Besonderheiten. Diese Personen verwechselten offenbar mangelnde Gelegenheiten zur Sexualität mit Asexualität.
  • 9 % schilderten, dass sie sich nur durch eine mit ihnen hochvertraute Person sexuell angezogen fühlten. Auch hier handelt es sich nicht um asexuelle Personen.
  • 13 % berichteten über sexuelle Funktionsstörungen, die sie gerne überwinden würden: 6 % schilderten Ekel vor Sexualität, 3 % Orgasmusprobleme und jeweils 2 % Schmerzen bei der Sexualität oder einen Verlust des sexuellen Verlangens. Gemeinsam war diesen Personen, dass sie einen Leidensdruck erlebten und ein erfülltes Sexualleben anstrebten. Sexuelle Funktionsstörungen lassen sich nicht unter dem Begriff der Asexualität subsumieren.
  • Außerdem gaben 4 % der Befragten an, sich Sexualität zu wünschen, aber zu schüchtern oder gehemmt zu sein.  Wer Sexualität möchte, sich aber nicht traut, ist nicht asexuell.

Weitere Befunde

  • Es beteiligten sich ebenfalls 458 Personen an dem Test, die sich vorab als nicht asexuell bezeichneten. Bei 424 Personen (92,6 %) wurde diese Einschätzung durch den Test bestätigt. Bei 34 Personen (7,4 %) führte der Test aber zu dem Ergebnis, dass tatsächlich Asexualität vorlag.
  • 79 % derjenigen, die sich zu Testbeginn als asexuell bezeichneten, gaben an, dass das Testergebnis passe. 78 % gaben an, den Test gut zu finden. Bei denjenigen, die sich zu Testbeginn als nicht-asexuell bezeichneten, gaben 88 % an, der Test passe, und 71% befanden Test für gut.
  • Wurden die Auswertungen auf diejenigen beschränkt, die sich Anfangs über ihre Asexualität oder Nicht-Asexualität besonders sicher waren (Entfernung von eher ja und eher nein), ergaben sich nahezu identische Ergebnisse wie sie in der Gesamtstichprobe gefunden wurde.
  • 66% der weiblichen Teilnehmerinnen, aber nur 49% der männlichen Teilnehmer gaben an,  asexuell zu sein. Der Test schätzte 43 % der weiblichen Teilnehmerinnen und 26 % der männlichen Teilnehmer als asexuell ein.

Resümee

Zusammenfassung der wichtigsten Befunde

Relativ häufig sind Menschen, die glauben, asexuell zu sein, nicht wirklich asexuell. Vielmehr haben sie sexuelles Verlangen und wünschen sich sexuelle Aktivitäten. Sie glauben, asexuell zu sein, weil sie Asexualität mit anderen Sachverhalten verwechseln.

So denken manche Menschen, sie seien asexuell, weil sie momentan keine Gelegenheit zu zwischenmenschlicher Sexualität haben, obwohl sie sich diese wünschen. Andere verwechseln Asexualität mit sexuellen Funktionsstörungen, wie Schmerzen bei der Sexualität, sexuelle Aversion (Ekel vor Sexualität) oder leidvollem Verlust von sexuellem Verlangen. Ebenfalls gibt es Menschen, die sich Sexualität wünschen, aber durch Schüchternheit gehemmt werden. Manche von ihnen denken ebenfalls darüber nach, womöglich asexuell zu sein.

Die Datenauswertung zeigt, dass es ebenfalls die gegenteilige Möglichkeit gibt:

Menschen halten sich für nicht asexuell, obwohl bei ihnen tatsächlich keinerlei Bedürfnis oder Wunsch nach Sexualität besteht. So schreiben sie sich gegebenenfalls Probleme zu, die gar nicht bestehen, weil sie nicht erkennen, asexuell zu sein.

Asexualität, Männer und Frauen

Frauen scheinen deutlich häufiger asexuell zu sein als Männer. Dies ergab sich in der aktuellen Auswertung sowohl aus den direkten Selbsteinschätzungen der Testteilnehmer als auch aus den Ergebnissen des Tests. 66% der weiblichen Teilnehmerinnen, aber nur 49% der männlichen Teilnehmer gaben an,  asexuell zu sein. Der Test schätzte 43 % der weiblichen Teilnehmerinnen und 26 % der männlichen Teilnehmer als asexuell ein.

Die deutlich häufigere Asexualität bei Frauen als bei Männern entspricht den Ergebnissen der Studie von Bogaert, wobei weitaus mehr Forschung notwendig sein wird, um die geschlechtsspezifische Verteilung von Asexualität besser einschätzen zu können.

Korrekte Einschätzung eigener Asexualität bedeutsam

Aufgrund von durchaus gravierenden möglichen Konsequenzen sollten Menschen über ihre eigene Asexualität oder Nicht-Asexualität Bescheid wissen:

Individuelle Konsequenzen

Für Menschen ist es sehr wichtig, ihre sexuellen Erlebnisweisen richtig einzuordnen. Sind sie asexuell, geht es darum, dies zu akzeptieren und als asexueller Mensch glücklich zu werden. Ist jemand aber gar nicht asexuell, sondern zum Beispiel zu schüchtern, sollte er an dem Erwerb von Selbstsicherheit und sozialen Kompetenzen arbeiten.

Sexuelle Funktionsstörungen, wie Orgasmusbeeinträchtigungen oder Schmerzen bei der Sexualität, sollten auf keinen Fall mit Asexualität gleichgesetzt werden. Dies käme einer unberechtigten und unerwünschten Pathologisierung von Asexualität gleich. Asexualität ist aber keine Störung und auch kein Problem, sondern eine normalpsychologische Spielart der menschlichen Ausrichtung zur Sexualität. Sexuelle Funktionsstörungen sind demgegenüber leidbesetzt und führen für Menschen zu Einschränkungen. Glücklicherweise können sie meistens durch wirksame Behandlungsmaßnahmen überwunden werden. Umso wichtiger ist es, dass sie nicht mit Asexualität verwechselt werden.

Gesellschaftliche Konsequenzen

Der Befund einer häufigen Verwechslung von Asexualität ist auch für die asexuelle Community als Ganzes bedeutsam:

Verwechslungen stehen der gesellschaftlichen Verankerung von Asexualität als normalpsychologische Ausrichtung zur Sexualität entgegen. Sie erschweren damit die Etablierung von Sichtbarkeit und Akzeptanz von Asexualität in der Gesellschaft. Es liegt insofern auch im Interesse der asexuellen Community, Asexualität eindeutig und nachvollziehbar zu definieren und zuverlässige Verfahren zur Selbsteinschätzung zur Verfügung zu stellen. Definitionen, die zu weit gehen, sind nicht hilfreich. Sie überdehnen den Begriff, fassen in Wirklichkeit verschiedene Sachverhalte unter einem (Schein)Dach zusammen und tragen gleichzeitig ungewollt zur Pathologisierung der Asexualität bei. Zu enge Definitionen, die beispielsweise nicht berücksichtigen, dass Asexuelle durchaus aus anderen Gründen Sexualität haben können – beispielsweise Partnern zu Liebe – verringern umgekehrt unberechtigt die Anzahl als asexuell bezeichneter Menschen und gefährden damit ebenfalls die gesellschaftliche Emanzipation asexueller Lebensweise.

Potential des Tests „Bin ich asexuell?“

Der Test „Bin ich asexuell?“ kann Menschen zur Reflexion anregen und ihnen eine fundierte Einschätzung ermöglichen, ob sie asexuell sind oder nicht. Damit leistet der Test einen wichtigen individuellen und auch einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag.  Menschen sind sich über eine mögliche Asexualität oftmals im Unklaren. Sie gehen von unklaren Definitionen aus, aus denen sie die falschen Schlüsse über ihre eigene Person und ihre weitere Lebensführung schließen mögen.

Was heißt asexuell ?

Der Test „Bin ich asexuell?“ orientiert sich an einer so weit als möglich präzisen integrativen Definition von Asexualität, gemäß derer Asexualität bedeutet, dass kein Wunsch nach Sexualität mit einem anderen Menschen vorhanden ist und das sexuelle Verlangen höchstens sehr gering ist und sich lediglich in gelegentlicher (nicht hochfrequenter) Selbstbefriedigung äußern mag. Auf der Grundlage dieser Definition ermöglicht der Test den Teilnehmenden eine fundierte Selbsteinschätzung. Der Test dabei sowohl in der Lage, eine unrichtige Zuschreibung von Asexualität zu korrigieren als auch übersehene Asexualität deutlich zu machen. Damit unterstützt der Test die Selbstfindung.

Akzeptanz für Test

Bemerkenswert ist, dass der Test, obwohl er oftmals eigenen Einschätzungen korrigiert, eine sehr hohe Akzeptanz bei den Teilnehmenden findet. 79 % derjenigen, die sich zu Testbeginn als asexuell bezeichneten, gaben an, dass das Testergebnis passe. 78 % gaben an, den Test gut zu finden. Bei denjenigen, die sich zu Testbeginn als nicht-asexuell bezeichneten lagen die entsprechenden Prozentraten bei 88 % (Passung des Tests) und 71% (Bewertung des Tests). Vermutlich finden Nicht-Asexuelle den Tests seltener gut, weil er für sie nicht die gleiche Bedeutung hat, obwohl das Ergebnis sogar noch öfter als passend erlebt wird.

Gesamtbewertung von „Bin ich asexuell ?“

Insgesamt zeigen die bisherigen Auswertungen, dass der Test „Bin ich asexuell?“ offenbar ein sehr gut geeignetes Verfahren darstellt, um Menschen eine fundierte Antwort auf diese Frage zu ermöglichen.  Für vorherige Auswertungen mit geringeren Stichprobenumfängen (siehe hier, hier und hier ) sind zu einer vergleichbaren Einschätzung gelangt. Die aktuelle Auswertung macht aber noch deutlicher, dass es ohne ein fundiertes Verfahren doch recht häufig zur Fehleinschätzungen kommt. Natürlich bleibt Kritik nicht aus, wobei wir auf einigen der am häufigsten vorgebrachten Kritiken in diesem Artikel eingehen.

About Author:

Guido F. Gebauer, studierte Psychologie an den Universitäten, Trier, Humboldt Universität zu Berlin und Cambridge (Großbritannien). Promotion an der University of Cambridge zu den Zusammenhängen zwischen unbewusstem Lernen und Intelligenz. Im Anschluss rechtspsychologische Ausbildung, Tätigkeit in der forensischen Psychiatrie und 10-jährige Tätigkeit als Gerichtsgutachter. Gründung der psychologischen Kennenlern-Plattform www.Gleichklang.de 2006. Arbeitet seither als Psychologe für Gleichklang. Autor bei asexuell.info, Hochsensible.eu, vegan.eu und Menschenrechte.eu.