Asexualität, Trauma, sexuelle und nicht sexuelle Gewalt: Was sind die Zusammenhänge?

Warum werden Menschen asexuell? Die Antwort ist unbekannt. Immer wieder wird aber (auch in Forendiskussionen) vermutet, dass Zusammenhänge zu sexuellen Traumatisierungen oder auch zu anderem Gewalterleben (nicht sexuelle Gewalt) bestehen könnten. Können ein Trauma, erlittene sexuelle oder nicht sexuelle Gewalt tatsächlich Asexualität erklären? Minimale Voraussetzung für eine mögliche Bejahung dieser Frage wäre, dass asexuelle Menschen häufiger solche Traumata erleben, also häufiger Opfer sexueller Gewalt oder nicht sexueller Gewalt werden würden als nicht asexuelle Menschen. Aber ist dies der Fall und wie häufig kommen erlittene sexuelle oder nicht sexuelle Gewalt überhaupt bei asexuellen Menschen vor? Der Artikel will auf diese Fragen eine fundierte, aber sicherlich noch nicht endgültige Antwort geben.

Was ist die Datenbasis für diesen Artikel?

Ich habe den auf psychologischen Überlegungen beruhenden Test „bin ich asexuell?“ entwickelt, der seither im Internet kostenlos angeboten wird. Der Test wird unter Stichworten bei google, wie „Test asexuell“ oder auch allein „asexuell“ sofort gefunden. Deshalb erreicht der Test viele Menschen, die sich für das Thema Asexualität interessieren.

Am Ende des Tests wird die Frage gestellt, ob die Teilnehmenden jemals sexueller Missbrauch oder körperliche Misshandlung erlitten haben. Dadurch wird es möglich, die Häufigkeit von erlittenem sexuellen Missbrauch und nicht-sexueller Gewalt zwischen asexuellen und nicht asexuellen Testteilnehmenden vergleichen zu können.

Die aktuelle Datenauswertung stützte sich auf die Angaben von 3801 Personen, die den Test vollständig bearbeiteten und die Fragen zu sexuellem Missbrauch/Gewalt und nicht sexueller Gewalt beantworteten. Unter diesen Personen befanden sich 2710 Frauen und 1091 Männer. Der Altersbereich schwankte zwischen 16 und 84 (Durchschnittsalter: 28,08). Vor dem Test bezeichneten sich 20,5 % der Frauen als asexuell, 68,1 % als gray-asexuell und 16,7 % als nicht asexuell. Bei den Männern betrugen die entsprechenden Prozentsätze 16,7 % (asexuell), 60,3 % (gray-asexuell) und 11,4 % (nicht asexuell).

Was sind die Hauptergebnisse?

Nicht jeder liest gerne einen langen Artikel. Viele Menschen schauen sich auch nicht gerne Zahlen in Tabellen an. Deshalb erfolgt gleich hier zu Anfang eine Zusammenfassung der inhaltlichen Ergebnisse:

  • Asexualität wies in der aktuellen Befragung keine bedeutsamen Zusammenhänge zur Häufigkeit von erlittener sexueller Gewalt oder nicht sexueller Gewalt in der Biografie auf. Dies galt sowohl für Frauen als auch für Männer. Asexuelle Frauen und Männer erlitten also nicht häufiger oder seltener sexuelle oder nicht sexuelle Gewalt als nicht asexuelle Frauen und Männer
  • auch wenn zwischen asexuell, gray-asexuell und nicht asexuell differenziert wurde, ergaben sich keine relevanten Unterschiede in der Häufigkeit von erlebter sexueller und nicht sexueller Gewalt in der Biografie
  • die große Mehrheit der befragten Asexuellen war bisher keinen sexuellen Übergriffen und keiner nicht sexuellen Gewalt ausgesetzt, die hätte zu Traumatisierungen führen können
    nach den Ergebnissen der hier durchgeführten Befragung lässt sich Asexualität nicht durch erlittene sexuelle oder nicht sexuelle Gewalt erklären
  • für einen Einzelfall schließen die vorliegenden Befunde nicht aus, dass erlittene sexuelle oder nicht sexuelle Gewalt die Entwicklung einer Asexualität begünstigt haben mag.
  • als allgemeine Erklärung für Asexualität ist das Traumatisierungs-Konzept nach den hier erhaltenen Ergebnissen nicht geeignet, da in der großen Mehrheit der Fälle gar keine potentiell traumatisierenden Gewalterlebnisse vorliegen und zudem die befragten Asexuellen nicht häufiger über solche Ereignisse berichteten als die befragten nicht asexuellen Personen

Detailliertere Informationen zur Befragung

Wie wurde Asexualität erfasst?

Die Erfassung der Asexualität erfolgte für die hier dargestellte Datenauswertung mithilfe von fünf Maßen. Die Verwendung verschiedener Maße war sinnvoll, weil es keineswegs eine einheitliche und allen bekannte Asexualitäts-Definition gibt, sondern unterschiedliche Vorstellungen von Asexualität bestehen. Indem verschiedene Maße herangezogen werden, ist es möglich, die Konvergenz und Stabilität der Befunde gegenüber definitorischen Schwankungen des Asexualitäts-Konzept zu erkennen.

Maße zur Erfassung von Asexualität

Erfragung vor dem Test

  • sechsstufige Selbsteinschätzung vor dem Test: Teilnehmende beantworten die Fragen, ob sie sich als asexuell einschätzen anhand der Skala „ja, auf jeden Fall“, „ja“, „eher ja“, „eher nein“, „nein“, „nein, auf keinen Fall“. Die Frage erfasst, wie sicher sich Teilnehmende sind asexuell oder nicht asexuell zu sein
  • dreistufige Selbsteinschätzung vor dem Test: Die Teilnehmenden geben an, was am besten auf sie zutreffe: „asexuell“, „gray asexuell (nicht vollständig asexuell, aber im Spektrum asexuell liegend“ oder „nicht asexuell“

Erfragung nach dem Test

  • erneut Vorlage der sechsstufigen und dreistufigen Selbsteinschätzung. Die erneute Abfrage soll Reflexionsprozesse der Teilnehmenden während und durch die Testbearbeitung berücksichtigen
  • Testergebnis: Der Test differenziert zwischen Personen, bei denen Asexualität nach dem Testkonzept vorliegt oder nicht vorliegt.

Selbsteinschätzung und Testergebnis

Der Unterschied zwischen den direkten Selbsteinschätzungen und dem Testergebnis beruht darin, dass der Test von einer theoretischen Definition von Asexualität ausgeht und diese systematisch überprüft. Demgegenüber ergeben sich Selbsteinschätzungen aus individuell variierenden mehr oder weniger expliziten und stabilen Definitionen, Ansichten und Selbstbewertungen.

Die dem Test zugrundeliegende Definition geht von Prototyp-Begriff aus. Als Prototyp des asexuellen Menschen wird eine Person ohne jedes sexuelles Verlangen und ohne sexuelle Aktivitäten angesehen. Auch Selbstbefriedigung zählt dabei als sexuelle Aktivität. Um den Prototyp herum sind aber weitere Ausgestaltungen denkbar. Als entscheidende Bestimmungsbasis bietet sich die Verteilung der Stärke des sexuellen Verlangens an. Demnach könnten um den asexuellen Prototyp herum auch noch solche Personen als asexuell betrachtet werden, die zwar ein geringes sexuelles Verlangen und kein Interesse an Sexualität mit einem Menschen haben, aber sich dennoch selbst befriedigen. Asexualität wird so durch den Test als eine weitgehende Abwesenheit von sexuellen Verlangen definiert, so dass sich sexuelle Aktivitäten höchstens – aber nicht in übersteigerter Form – auf Selbstbefriedigung beziehen.

Beispiele für Phänomene, die durch den Test nicht als asexuelle gewertet werden:

  • Menschen wollen aufgrund von Schüchternheit und Hemmungen, Schmerzen bei der Sexualität, Erektionsstörungen, Orgasmusprobleme oder Ekelgefühlen keinen Sex haben, verspüren aber sexuelles Verlangen und würden sich Sex wünschen, wenn die Probleme nicht bestünden
  • Menschen berichten über den Verlust des sexuellen Verlangens (z.B. im Rahmen einer Depression) und geben an, dieses sexuelle Verlangen schmerzlich zu vermissen und wiedererlangen zu wollen
  • Menschen erleben sexuelles Verlangen und wünschen sich Sex, aber nur mit einem Menschen, den sie sehr gut kennen
  • Menschen wollen keinen direkten Sex mit einem Menschen, berichten aber von häufiger Selbstbefriedigung, die mit sexuelelr Erregung, sexuellen Fantasien und Pornographiekonsum einhergehe
  • Menschen berichten von sexuellen Verlangen und sexuellen Handlungen an nicht-menschlichen Objekten

Anders als Selbsteinschätzungen, deren Basis letztlich unklar bleibt, ist die Begründung des Testergebnisses unmittelbar darstellbar und nachvollziehbar.

Wie wurde sexuelle und nicht sexuelle Gewalt erfragt?

Am Ende des Tests wurden den Teilnehmenden u. A. folgende beiden Fragen gestellt:

  • sind Sie jemals Opfer sexueller Übergriffe/sexueller Gewalttaten geworden?
  • sind Sie jemals Opfer nicht-sexueller Misshandlung oder nicht- sexueller Gewalt geworden? (Mehrfachangaben erlaubt!)

Als Antworten sind jeweils möglich gewesen: Nein, niemals, Ja in der Kindheit (bis 14 Jahre), Ja in der Jugend (15-17 Jahre), Ja als Heranwachsende/r (18-21 Jahre), Ja, nach dem 21. Lebensalter.

Für die aktuelle Datenauswertung wurden folgende Gruppierungen gebildet:

  • niemals sexueller Missbrauch (1) versus sexueller Missbrauch zu irgendeinem Zeitpunkt (2)
  • niemals nicht sexuelle Gewalt (1) versus nicht sexuelle Gewalt zu irgendeinem Zeitpunkt (2)

Ergebnisse der Befragung

Maße zur Asexualität

Aus den folgenden Tabellen können die Ergebnisse der jeweiligen Asexualitäts-Maße, getrennt für Männer und Frauen, nachvollzogen werden.

Erfagung vor dem Test

Sechstufige Selbsteinschätzung

Frauen Männer
Anzahl % Anzahl %
Ja, auf jeden Fall 160 5,4 45 5,2
Ja 452 15,4 115 13,4
Ja, eher 1604 54,5 375 43,7
Nein, eher nicht 550 18,7 182 21,2
Nein 104 3,5 71 8,3
Nein, auf keinen Fall 73 2,5 70 8,2

Dreistufige Selbsteinschätzung

Frauen Männer
Anzahl % Anzahl %
Asexuell 604 20,5 143 16,7
Gray-Asexuell 2003 68,1 517 60,3
Nicht-Asexuell 336 11,4 198 23,1

Erfagung nach dem Test

Sechstufige Selbsteinschätzung

Frauen Männer
Anzahl % Anzahl %
Ja, auf jeden Fall 187 6,4 63 7,3
Ja 641 21,8 136 15,9
Ja, eher 1349 45,8 330 38,5
Ja 543 18,5 165 19,2
Nein 138 4,7 84 9,8
Nein, auf keinen Fall 85 2,9 80 9,3

Dreistufige Selbsteinschätzung

Frauen Männer
Anzahl % Anzahl %
Asexuell 709 24,1 172 20,0
Gray-Asexuell 1842 62,6 476 55,5
Nicht-Asexuell 392 13,3 210 24,5

Testergebnis

Frauen Männer
Anzahl % Anzahl %
Asexuell 1414 48 575 67
Nicht asexuell 1529 52 283 33

Was zeigen diese Daten?

  • deutlich wird bereits auf den ersten Blick, dass die Selbsteinschätzung der eigenen Asexualität für die meisten Menschen kein völlig sichere Angelegenheit ist. Vor und nach dem Test dominierten bei der sechsstufigen Einstufung die mittleren Kategorien, auch wenn nach dem Test eine leichte Verschiebung in die klareren Kategorien feststellbar war.
  • die Teilnehmenden sehen sich sehr viel häufiger als gray-asexuell als als asexuell an. Nach dem Test bezeichnen sich zwar etwas mehr Teilnehmende als asxexuell oder nicht-asexuell, aber auch nach dem Test dominiert die Kategorie gray-asexuell in der Selbsteinschätzung.
  • Männer sehen sich insgesamt als seltener asexuell an als Frauen, was in allen fünf Maßen übrigens auch statistisch signifikant ausfällt. Tatsächlich ist davon auszugehen, dass vorwiegend solche Menschen den Test finden, die sich für Asexualität interessieren oder überlegen, selbst asexuell zu sein. Dass sich dennoch selbst innerhalb dieser bereits sich mit Asexualität beschäftigenden Stichprobe dieser Geschlechterunterschied zeigt, spricht dafür, dass es tatsächlich signifikant mehr asexuelle Frauen als asexuelle Männer gibt.
  • das Testergebnis bezeichnet erheblich mehr Menschen als asexuell als sich aus den Kategorien in der sechsstufigen Selbsteinschätzung „ja, auf jeden Fall“ oder „ja“ vor und nach dem Test ergeben würde. Ebenfalls werden durch das Testergebnis erheblich mehr Personen als asexuell bezeichnet als sich aus der direkten Selbsteinschätzung als asexuell (ohne gray-asexuell) vor und nach dem Test ergeben würde. Allerdings werden durch den Test erheblich weniger Menschen als asexuell bezeichnet, als wenn die direkte Selbsteinschätzung asexuell und gray-asexuell zusammengerechnet werden würde. Ebenfalls werden erheblich weniger Menschen als asexuell bezeichnet als sich ergäben, wenn in der sechsstufigen Selbsteinschätzung vor und nach dem Test auch die Kategorie „eher ja“ hinzuzählen würde. Der Test scheint insofern zu einer Differenzierung zu führen, was auch seiner Intention entspricht.

Häufigkeit erlebter sexuelle Übergriffe und nicht-sexueller Gewalt

Es zeigten sich folgende Auftretenshäufigkeiten von sexueller und nicht sexueller Gewalt:

  • 23,8 % der Frauen berichteten, mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von sexueller Gewalt geworden zu sein. Bei den Männern betrug dieser Prozentsatz 11,3 %. Dieser Unterschied zwischen den Geschlechtern war signifikant. Frauen wurden also häufiger Opfer sexueller Übergriffe als Männer.
  • 28,9 % der Frauen gaben an, bereits Opfer nicht sexueller Gewalt geworden zu sein. Bei den Männern betrug dieser Prozentsatz 28,1 %. Dieser Unterschied zwischen den Geschlechtern war nicht signifikant. Frauen und Männer wurden also vergleichbar häufig Opfer von sexuellen Übergriffen.

Asexualität und Erleben sexueller und nicht sexueller Gewalt

Die nachfolgende Tabelle zeigt die prozentuale Häufigkeit, mit denen die Teilnehmenden niemals sexuelle oder nicht sexuelle Gewalt erlebten (abzüglich von 100 ergeben sich hieraus entsprechend die Häufigkeiten von Gewalterleben). Die Zahlen werden getrennt für Männer und Frauen und in Abhängigkeit von den Antworten in den verschiedenen Asexualitäts-Maßen dargestellt:

Frauen Männer
% keine sex. Gewalt % keine nicht sex. Gewalt % keine  sex. Gewalt % keine  nicht sex. Gewalt
Abfrage vor dem Test

 

sechsstufige Skala

Ja, auf jeden Fall 72,5 75 84,4 77,8
Ja 69,2 75,7 90,4 69,6
Ja, eher 71 75,6 88,8 69,3
Nein, eher nicht 72,4 78,5 88,5 75,8
Nein 73,1 75 84,5 69
Nein, auf keinen Fall 69,9 79,5 92,9 78,6
 

dreistufige Skala

Asexuell 75,7 77,5 88,8 74,1
Gray-Asexuell 69,1 75 88,4 70
Nicht-Asexuell 74,7 80,7 89,4 75,3
 

Abfrage nach dem Test

 

sechsstufige Skala

Ja, auf jeden Fall 79,1 72,2 76,2 68,3
Ja 75,7 72,1 91,9 69,9
Ja, eher 75,5 69,3 89,1 71,5
Nein, eher nicht 75,5 72,4 89,1 70,3
Nein 81,9 76,8 89,3 75
Nein, auf keinen Fall 80 72,9 90 80
 

dreistufige Skala

asexuell 77,4 74,3 87,2 66,9
gray-Asexuell 75,1 68,5 89,5 73,1
Nicht-Asexuell 79,1 77,6 88,1 73,3
 

Testergebnis

Nicht asexuell 74,8 69,1 88 72
asexuell 77,5 73 90,1 71,7

 

Welche Schlussfolgerungen ergeben sich aus den in der Tabelle dargestellten Ergebnissen?

 

  • bei reiner Durchsicht der Tabelle lassen sich starke Einflüsse von sexuellem oder nicht sexuellem Gewalterleben auf die Ergebnisse in allen fünf Asexualitäts-Maßen sofort ausschließen. Bereits ohne statistische Analysen ist erkennbar, dass Zusammenhänge, wenn sie überhaupt bestehen, sehr gering sein müssen
  • getrennte statistische Analysen für Männer und Frauen (mit einer sogenannten multivariaten Varianzanalyse, für statistisch Interessierte hier die Ergebnisse im Anhang) zeigten, dass es weder bei Frauen noch bei Männern statistisch signifikante Bezüge zwischen erlittener sexueller Gewalt und den Antworten in den Asexualitäts-Maßen gab. Alle aus der Tabelle erkennbaren minimalen Unterschiede in den Häufigkeiten lassen sich demnach zwanglos mit reinen Zufallsschwankungen erkennen
  • bei den Männern gab es ebenfalls keinerlei statistisch signifikante Zusammenhänge zwischen erlittener nicht sexueller Gewalt und den Asexualitäts-Maßen
  • demgegenüber erreichte allerdings der Faktor der nicht sexuellen Gewalt bei den Frauen die statistische Signifikanz. Nachfolgende Analysen zeigten, dass dieser signifikante Befund ausschließlich auf ein Asexualitäts-Maß rückführbar war, nämlich das Testergebnis. Frauen mit dem Testergebnis asexuell berichteten tatsächlich signifikant häufiger über erlittene nicht sexuelle Gewalt als Frauen mit dem Testergebnis nicht asexuell. Allerdings wird aus der Betrachtung der deskriptiven Daten erkennbar, dass dieser statistisch signifikante Effekt tatsächlich numerisch ausgesprochen gering ist. Während bei den nicht asexuellen Frauen 73 % niemals Opfer nicht sexueller Gewalt geworden waren, waren dies bei den asexuellen Frauen 69,1 %
  • umgerechnet in eine Korrelation (statistisches Zusammenhangsmaß) ergab sich eine signifikanter, aber minimale Korrelation von r=,043. Diese Korrelation bedeutet inhaltlich, dass maximal 0,002 % der Unterschiede der Teilnehmenden in dem Testergebnis asexuell versus nicht asexuell statistisch auf Unterschiede in ihren Angaben zur Häufigkeit erlittener nicht sexueller Gewalt zurückfahrbar waren. Der Zusammenhang ist damit so gering, dass er vernachlässigt werden kann
  • die Befunde weisen in der Gesamtbewertung darauf hin, dass die asexuellen Teilnehmenden an der Befragung im wesentlichen nicht häufiger und nicht seltener Opfer von sexueller Gewalt oder nicht-sexueller Gewalt in ihrer Biografie geworden sind wie die nicht-asexuellen Teilnehmenden
  • die Ergebnisse sprechen insgesamt klar gegen eine relevante statistische Assoziation von Asexualität und erlittener sexueller oder nicht sexueller Gewalt. Eine solche statistische Assoziation wäre aber die minimale Voraussetzung, um die Hypothese aufrechterhalten zu können, dass Asexualität durch sexueller oder nicht sexuelle Gewalt verursacht werden würde. Die Ergebnisse zeigen insofern, dass erlittene sexuelle oder nicht sexuelle Gewalt – jedenfalls soweit sie über eine Befragung erfasst werden können – als Ursache für Asexualität offenbar in aller Regel nicht in Frage kommt. Die Annahme,dass Asexualität durch ein Trauma entstehe, wird daher durch die hier dargestellten Ergebnisse nicht unterstützt
  • die Befunde können nicht für einen Einzelfall ausschließen, dass erlittene sexuelle Gewalt oder nicht sexuelle Gewalt die Entwicklung einer Asexualität begünstigt oder verursachen können. Es kann also nicht ausgeschlossen werden, dass Traumatisierung im Einzelfall zu Asexualität führen mag. Diese Möglichkeit bleibt grundsätzlich offen, ist allerdings zum gegenwärtigen Zeitpunkt reine Spekulation. Ausgeschlossen werden kann aber, dass Asexualität typischerweise durch erlittene sexuelle oder nicht sexuelle Gewalt verursacht wird. Dies kann bereits allein aufgrund der Sachlage ausgeschlossen werden, dass die große Mehrheit der asexuellen Befragten nach ihren eigenen Angaben keine sexuelle oder nicht sexuelle Gewalt erlebte

About Author:

Guido F. Gebauer, studierte Psychologie an den Universitäten, Trier, Humboldt Universität zu Berlin und Cambridge (Großbritannien). Promotion an der University of Cambridge zu den Zusammenhängen zwischen unbewusstem Lernen und Intelligenz. Im Anschluss rechtspsychologische Ausbildung, Tätigkeit in der forensischen Psychiatrie und 10-jährige Tätigkeit als Gerichtsgutachter. Gründung der psychologischen Kennenlern-Plattform www.Gleichklang.de 2006. Arbeitet seither als Psychologe für Gleichklang. Autor bei asexuell.info, Hochsensible.eu, vegan.eu und Menschenrechte.eu.

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