Gibt es eine asexuelle Persönlichkeit?

Die Definition der Asexualität bezieht sich nicht auf nicht sexualitätsbezogene Persönlichkeitsaspekte. Insofern ergibt sich aus der Definition keine Notwendigkeit, von einer spezifischen asexuellen Persönlichkeit ausgehen zu müssen.

Allerdings gibt es Zusammenhänge zwischen Persönlichkeit und Sexualität. Dies macht es wahrscheinlich, dass Asexualität als eine Besonderheit im Bereich der Sexualität ebenfalls mit der Persönlichkeit korreliert sein könnte. Derzeit gibt es vorwiegend Hinweise, dass Extraversion mit der sich selbst zugeschriebenen sexuellen Attraktivität und der Intensität erotischer Fantasien und Aktivitäten korreliert ist. Ebenfalls scheint es Zusammenhänge zwischen dem Faktor der Offenheit für neue Erfahrungen und Verschiedenartigkeit des Sexuallebens zu geben. So ist Offenheit für Erfahrungen mit einer größeren Variabilität sexueller Praktiken und auch mit Nicht-Heterosexualität korreliert.  Soziale Verträglichkeit scheint hauptsächlich mit der emotionalen Einbettung sexueller Kontakte assoziiert zu sein. Auch Verletzlichkeit (Neurotizismus) weist kaum Bezüge zu sexuellem Verhalten und Erleben zeigt. Zusammenhänge des Faktors Gewissenhaftigkeit zum Sexualverhalten sind offenbar eher geringgradig oder nicht bei beiden Geschlechtern erkennbar.

Asexuelle Persönlichkeit?

In Anbetracht dieser Befunde könnte erwartet werden, dass Asexuelle typischerweise eher introvertierter sind als Nicht-Asexuelle (sexuelle). Möglicherweise kennzeichnen sie sich ebenfalls durch eine geringere Offenheit für neue Erfahrungen. Gerade aufgrund der größeren Schwierigkeiten von Asexuellen in der Gesellschaft mag aber auch die Möglichkeit einer sekundären emotionalen Labilisierung im Sinne eines erhöhten Neurotizismus bestehen.

Vorläufige Umfrageergebnisse

Im Rahmen unserer aktuellen Umfrage gehen wir möglichen Zusammenhängen zwischen Asexualität und Persönlichkeitsstruktur nur eingeschränkt auf den Grund. Wir bitten die Befragten aber um eine Selbsteinschätzung auf einer fünfstufigen Skala für die Merkmale Extraversion (Geselligkeit, Unternehmenslust, Fröhlichkeit), Offenheit für neue Erfahrungen (Offen für Neues, interessiert an Kultur, Kunst und Bildung), Verletzlichkeit (Stimmungsschwankungen, depressiv, ängstlich-gehemmt), soziale Verträglichkeit (hilfsbereit, positiv zu Menschen eingestellt, freundlich und zugewandt) sowie Selbstkontrolle (diszipliniert, ordentlich, genau, pünktlich). Die vorläufigen Befunde weisen auf eine deutlich geringere Extraversion im Sinne von Introvertiertheit bei Asexuellen hin. Ebenfalls ergeben sich Hinweise auf eine eher geringere Offenheit für neue Erfahrungen und eine etwas geringere soziale Verträglichkeit. Sehr schwach deutet sich auch eine höhere Verletzlichkeit hin. Keinerlei Unterscheide zeigen sich bei der Selbstkontrolle (Gewissenhaftigkeit).

Bewertung „Asexuelle Persönlichkeit?“

Insgesamt kann nicht von der Existenz einer besonderen Asexualitäts-Persönlichkeit ausgegangen werden. Vielmehr kann sich die Abwesenheit von sexuellem Verlangen oder des Wunsches nach einer sexuellen Beziehung mit einem Menschen bei unterschiedlichen Persönlichkeiten zeigen. Tendenziell ist allerdings davon auszugehen, dass Asexuelle eher introvertierter sind. Womöglich kennzeichnen sie sich auch im Durchschnitt durch eine geringere Offenheit für neue Erfahrungen. Ebenso mag die soziale Verträglichkeit geringfügig vermindert sein. Erste Hinweise gibt es auch für eine höhere Verletzlichkeit.

Wichtig ist es, bei der Interpretation dieser vorläufigen Hinweise zu berücksichtigen, dass es sich bei den dargelegten Persönlichkeitsdimensionen um normalpsychologische Grunddimensionen handelt. Es geht also nicht um „krankhaftes“ Verhalten. Menschen haben unterschiedliche Ausprägungen in ihren Persönlichkeiten. Diese sind nicht normativ als positiv oder negativ zu bewerten.

Zudem besteht auch bei möglichen Persönlichkeitsunterschieden von Asexuellen die Schwierigkeit, zwischen Ursache, Folge und Interaktion zu unterscheiden. Bereits bezüglich des Merkmals der emotionalen Verletzlichkeit (Neurotizismus) wurde im Vorherigen darauf hingewiesen, dass mögliche erhöhte Merkmalsausprägungen auch Folge von negativen gesellschaftlichen Reaktionen. Ebenso ist es denkbar, dass Menschen, die aufgrund ihrer Asexualität weniger soziale/gesellschaftliche positive Resonanz erleben, in ihrer Persönlichkeitsstruktur weniger sozial verträglich erscheinen bzw. sich auch so sehen.

Erst bei ausreichender Sichtbarkeit und gesellschaftlicher Akzeptanz wird sich zeigen, ob Asexualität tatsächlich mit Persönlichkeitsbesonderheiten einhergeht.

About Author:

Guido F. Gebauer, studierte Psychologie an den Universitäten, Trier, Humboldt Universität zu Berlin und Cambridge (Großbritannien). Promotion an der University of Cambridge zu den Zusammenhängen zwischen unbewusstem Lernen und Intelligenz. Im Anschluss rechtspsychologische Ausbildung, Tätigkeit in der forensischen Psychiatrie und 10-jährige Tätigkeit als Gerichtsgutachter. Gründung der psychologischen Kennenlern-Plattform www.Gleichklang.de 2006. Arbeitet seither als Psychologe für Gleichklang. Autor bei asexuell.info, Hochsensible.eu, vegan.eu und Menschenrechte.eu.

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